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Poesie

Einige Geschichten aus der Feder von Dichter & Dichterinnen

Wie von Friedrich Rückert Auf Erden gehst du

Und wüßtens die Blumen, die kleinen,
Wie tief verwundet mein Herz,
Sie würden mit mir weinen,
Zu heilen meinen Schmerz.

Und wüßtens die Nachtigallen,
Wie ich so traurig und krank,
Sie ließen fröhlich erschallen
Erquickenden Gesang.

Und wüßten sie mein Wehe,
Die goldnen Sternelein,
Sie kämen aus ihrer Höhe,
Und sprächen Trost mir ein.

Die alle könnens nicht wissen,
Nur Eine kennt meinen Schmerz;
Sie hat ja selbst zerrissen,
Zerrissen mir das Herz.

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber, goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstrahl. 

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all’:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

Dämmernd liegt der Sommerabend
Über Wald und grünen Wiesen;
Goldner Mond, im blauen Himmel,
Strahlt herunter, duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille,
Und es regt sich in dem Wasser,
Und der Wandrer hört ein Plätschern
Und ein Atmen in der Stille.

Dorten an dem Bach alleine,
Badet sich die schöne Elfe;
Arm und Nacken, weiß und lieblich,
Schimmern in dem Mondenscheine.

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen,
Schwindet hin, wie Träumerein,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

Du bist die Sonne, die nicht untergeht;
Du bist der Mond, der stets am Himmel steht;
Du bist der Stern, der, wann die andern dunkeln,
Noch überstrahlt den Tag mit seinem Funkeln;

Du bist das sonnenlose Morgenrot;
Ein heitrer Tag, den keine Nacht bedroht;
Der Freud’ und Hoffnung Widerschein auf Erden —
Das bist du mir, was kannst du mehr noch werden?

O schöne, herrliche Weihnachtszeit!
Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
teilt seine lieben Gaben aus.

Und ist das Häuschen noch so klein,
so kommt der heilige Christ hinein,
und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
die Armen und Reichen, die Grossen und Kleinen.

Der heilige Christ an alle denkt,
ein jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freuen und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein!

Wie freu` ich mich der Sommerwonne,
Des frischen Grüns in Feld und Wald,
Wenn`s lebt und webt im Glanz der Sonne
Und wenn`s von allen Zweigen schallt!

Ich möchte jedes Blümchen fragen:
Hast du nicht einen Gruß für mich?
Ich möchte jedem Vogel sagen:
Sing, Vöglein, sing und freue dich!

Die Welt ist mein, ich fühl es wieder:
Wer wollte sich nicht ihrer freu`n,
Wenn er durch frohe Frühlingslieder
Sich seine Jugend kann erneu`n?

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,
Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz;
Da wo ich bin, da bin ich gerne,
Denn meine Heimat ist mein Herz.

So wahr die Sonne scheinet,
So wahr die Wolke weinet,
So wahr die Flamme sprüht,
So wahr der Frühling blüht;
So wahr hab’ ich empfunden,
Wie ich dich halt’ umwunden:
Du liebst mich, wie ich dich,
Dich lieb’ ich, wie du mich.

Die Sonne mag verscheinen,
Die Wolke nicht mehr weinen,
Die Flamme mag versprühn,
Der Frühling nicht mehr blühn!
Wir wollen uns umwinden
Und immer so empfinden;
Du liebst mich, wie ich dich,
Dich lieb’ ich, wie du mich.

Die Welt ist schön, die Welt ist gut, gesehn als Ganzes
Der Schöpfung Frühlingspracht, das Heer des Sternentanzes.

Die Welt ist schön, ist gut, gesehn im einzelst Kleinen
Ein jedes Tröpfchen Tau kann Gottes Spiegel scheinen.

Nur wo du Einzelnes auf Einzelnes beziehst
Oh, wie vor lauter Streit du nicht den Frieden siehst.

Der Frieden ist im Kreis, im Mittelpunkt ist er.
Drum ist er überall, doch ihn zu sehn ist schwer.

Es ist die Eintracht, die sich aus der Zwietracht baut,
Wo mancher, vom Gerüst verwirrt, den Plan nicht schaut.

Drum denke, was dich stört, daß dich ein Schein betört
Und was du nicht begreifst, gewiß zum Plan gehört.

Such erst in dir den Streit zum Frieden auszugleichen
Versöhnend dann soweit du kannst umherzureichen.

Und wo die Kraft nicht reicht, da halte dich ans Ganze;
Im ewgen Liebesbund steht mit dir Stern und Pflanze.

Auf Erden gehest du und bist der Erde Geist;
Die Erd erkennt dich nicht, die dich mit Blüten preist.

Auf Sonnen stehest du und bist der Sonne Geist;
Die Sonn erkennt dich nicht, die dich mit Strahlen preist.

Im Winde wehest du und bist der Lüfte Geist;
Die Luft erkennt dich nicht, die dich mit Atmen preist.

Auf Wassern gehest du und bist des Wassers Geist;
Das Wasser kennt dich nicht, das dich mit Rauschen preist.

Im Herzen stehest du und bist der Liebe Geist;
Und dich erkennt das Herz, das dich mit Liebe preist.

Engel umschweben uns,
Wo wir auch gehn,
Engel umgeben uns,
Wie wir uns drehn.

Doch wir erkennen sie
Nicht in dem Licht,
Und zu benennen sie
Wissen wir nicht.

Selber zu blenden uns
Scheinet der Glanz,
Wir von ihm wenden uns
Halb oder ganz.

Aber nun haben wir
Engel ein Paar,
Denen ja gaben wir
Namen fürwahr.

Und nicht vergaßen wir:
Wirklich einmal
Selber besaßen wir
Leiblich den Strahl.

Sollten wir wenden uns
Ab von dem Glanz?
Sollten verblenden uns
Halb oder ganz?

Nein, wir erkennen euch
Freudig im Licht,
Und zu benennen euch
Zweifeln wir nicht.

Lächelnd ihr gebet uns,
Wohl zu verstehn,
Daß ihr umschwebet uns
Wo wir auch gehn.

Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;
Der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Ich schmacht, o Lebenslust! Erquicke mein Gemüt!
Ich brenn, o süßer Tau! Befeuchte meine Glieder!
Ich zag, o höchste Freud! Komm du mit Trost hernieder!
Ich gleite, treue Stärk! Befeste meinen Schritt!

Man haßt mich; bleib mein Freund! O unverfälschte Güt!
Ich Schlummer; lichte Flamm! Strahl auf mein’ Augenlider!
Bleib du mein Gast und Wirt! Mir ist die Welt zuwider.
Ich seufz, erhöre mich! und gib mir, was ich bitt!

Ich irre; führe mich, Verstand! auf rechte Wege!
Ich zweifel; Wahrheit! Steh mit deiner Weisheit bei!
Ich diene; Freiheit! Reiß die harten Band entzwei!

Ich zitter; Schutz! Halt auf des Himmels Donnerschläge!
Ich schwind; o Ewigkeit! Erhalte für und für!
O Leben aller Ding! Ich sterbe, leb in mir!

Nacht, mehr denn lichte Nacht! Nacht, lichter als der Tag!
Nacht, heller als die Sonn! in der das Licht geboren,
Das Gott, der Licht in Licht wohnhaftig, ihm erkoren!
O Nacht, die alle Nacht und Tage trotzen mag!

O freudenreiche Nacht, in welcher Ach und Klag
Und Finsternis und was sich auf die Welt verschworen
Und Furcht und Höllenangst und Schrecken war verloren!
Der Himmel bricht; doch fällt nunmehr kein Donnerschlag.

Der Zeit und Nächte schuf, ist diese Nacht ankommen
Und hat das Recht der Zeit und Fleisch an sich genommen
Und unser Fleisch und Zeit der Ewigkeit vermacht.

Die jammertrübe Nacht, die schwarze Nacht der Sünden,
Des Grabes Dunkelheit muß durch die Nacht verschwinden.
Nacht, lichter als der Tag! Nacht, mehr denn lichte Nacht!

Mein oft bestürmtes Schiff, der grimmen Winde Spiel, 
Der frechen Wellen Ball, das schier die Flut getrennet, 
Das über Klipp auf Klipp und Schaum und Sand gerennet, 
Kommt vor der Zeit an Port, den meine Seele will.

Oft, wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel,
Hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet.
Wie oft hab ich den Wind und Nord und Sud verkennet!
Wie schadhaft ist der Mast, Steuer, Ruder, Schwert und Kiel!

Steig aus, du müder Geist! Steig aus! Wir sind am Lande.
Was graut dir vor dem Port? Jetzt wirst du aller Bande
Und Angst und herber Pein und schwerer Schmerzen los.

Ade, verfluchte Welt! Du See voll rauer Stürme!
Glück zu, mein Vaterland! das stete Ruh im Schirme
Und Schutz und Frieden hält, du ewig lichtes Schloss!

Sterne und Blumen,
Blicke, Atem,
Töne!
Durch die Räume ziehen,
ein Ton der Liebe.
Sehnsucht!
Mit verwandten Tönen
sich vermählen,
glühen,
nie verhallen
und die Blumen
und die Sterne lieben.
Gegenliebe!
Sehnsucht!

Hab oft im Kreise der Lieben
im duftigen Grase geruht,
und mir ein Liedlein gesungen,
und alles, alles war wieder gut.

Hab einsam auch mich gehärmet
in bangem, düsterem Mut,
und habe wieder gesungen,
und alles, alles war wieder gut.

Und manches, was ich erfahren,
verkocht ich in stiller Wut,
und kam ich wieder zu singen,
war alles, alles auch wieder gut.

Sollst uns nicht lange klagen,
was alles dir wehe tut!
Nur frisch, nur frisch gesungen,
und alles, alles wird wieder gut.

Wer sollte fragen: wie’s geschah?
Es geht auch Andern eben so.
Ich freute mich, als ich dich sah,
Du warst, als du mich sahst, auch froh.

Der erste Gruß, den ich dir bot,
Macht’ uns auf einmal beide reich;
Du wurdest, als ich kam, so rot,
Du wurdest, als ich ging, so bleich.

Nun kam ich auch Tag aus, Tag ein,
Es ging uns beiden durch den Sinn;
Bei Regen und bei Sonnenschein
Schwand bald der Sommer uns dahin.

Wir haben uns die Hand gedrückt,
Um nichts gelacht, um nichts geweint,
Gequält einander und beglückt,
Und haben’s redlich auch gemeint.

Dann kam der Herbst, der Winter gar,
Die Schwalbe zog, nach altem Brauch,
Und: lieben? – lieben immerdar?
Es wurde kalt, es fror uns auch.

Ich werde geh’n ins fremde Land,
Du sagst mir höflich: Lebe wohl.
Ich küsse höflich dir die Hand,
Und nun ist alles wie es soll.

* Deluxe Inhalte Poesie

Einige Geschichten aus der Feder von Dichtern und Dichterinnen

Wie Joseph von Eichendorff Montnacht

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch′ s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du′ s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.

Wenn′ s deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.

Das flücht′ ge Lob, des Tages Ruhm
Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.

Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
vor dem das Beste selbst zerfällt,
und wahre dir den vollen Glauben
an diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
das lächelnd auf den Säugling blickt,
und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
ist nur der eigene Widerschein.

Beutst du dem Geiste seine Nahrung,
so laß nicht darben sein Gemüt,
des Lebens höchste Offenbarung
doch immer aus dem Herzen blüht.

Ein Gruß aus frischer Knabenkehle,
ja mehr noch eines Kindes Lall’n
kann leuchtender in deine Seele
wie Weisheit aller Weisen fall’n.

Erst unter Kuß und Spiel und Scherzen
erkennst du ganz, was Leben heißt;
o lerne denken mit dem Herzen,
und lerne fühlen mit dem Geist.

Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun, so will ich fröhlich singen!

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut;
Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht machts wieder gut.

Schaust Du mich aus Deinen Augen
lächelnd wie aus Himmeln an,
fühl′ ich wohl, daß keine Lippe
solche Sprache führen kann.

Könnte sie′ s auch wörtlich sagen
was dem Herzen tief entquillt,
still den Augen aufgetragen
wird es süßer nur erfüllt.

Und ich seh′ des Himmels Quelle,
die mir lang verschlossen war,
wie sie bricht in reinster Helle
aus dem reinsten Augenpaar.

Und ich öffne still im Herzen
alles, alles diesem Blick.
Und den Abgrund meiner Schmerzen
füllt er strömend aus mit Glück.

Wie jauchzt meine Seele
Und singet in sich!
Kaum, daß ichs verhehle,
So glücklich bin ich.

Rings Menschen sich drehen
Und sprechen gescheut,
Ich kann nichts verstehen,
So fröhlich zerstreut. –

Zu eng wird das Zimmer,
Wie glänzet das Feld,
Die Täler voll Schimmer,
Weit herrlich die Welt!

Gepreßt bricht die Freude
Durch Riegel und Schloß,
Fort über die Heide!
Ach, hätt ich ein Roß! –

Und frag ich und sinn ich,
Wie so mir geschehn?: –
Mein Liebchen herzinnig,
Das soll ich heut sehn!

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind;
Nach kurzer Dauer muß sein Glanz verbleichen,
Und selbst in Maienknospen tobt der Wind.

Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
Oft ist verdunkelt seine goldne Bahn,
Denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
Ist wechselndem Geschicke untertan.

Dein ew’ger Sommer doch soll nie verrinnen,
Nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
Nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,

Wenn du in meinem Lied unsterblich bist!
Solange Menschen atmen, Augen sehn,
Lebt mein Gesang und schützt dich vor Vergehn!

Übersetzt von Max Joseph Wolff

Siehe auch das Gedicht  Wie ich dich liebe? von Elizabeth Barrett Browning

Soll ich denn einen Sommertag dich nennen,
dich, der an Herrlichkeit ihn überglänzt?
Dem Mai will Sturm die Blütenpracht nicht gönnen,
und Sommers Herrschaft ist so eng begrenzt.

Oft leuchten seines Blickes Feuerfarben,
doch bald auch hört das goldne Glänzen auf,
bis seine allerletzten Spuren starben
in Wechsel und natürlichem Verlauf.

Dir aber soll der Sommer niemals scheiden,
die Zeit sei fern, daß Schönheit dir verdirbt.
Des Todes gier’ger Blick weiß dich zu meiden:

mein Wort verhütet, daß dein Wesen stirbt.
Solange Ohren hören, Augen sehn,
besteht mein Lied, wirst du im Lied bestehn!

Übersetzt von Karl Kraus

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Nein, du bist lieblicher und frischer weit –
Durch Maienblüten rauhe Winde streichen
Und kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit.

Zu feurig oft läßt er sein Auge glühen,
Oft auch verhüllt sich seine goldne Spur,
Und seiner Schönheit Fülle muß verblühen
Im nimmerruhnden Wechsel der Natur.

Nie aber soll Dein ewiger Sommer schwinden,
Die Zeit wird Deiner Schönheit nicht verderblich,
Nie soll des neidischen Todes Blick Dich finden,

Denn fort lebst Du in meinem Lied unsterblich.
So lange Menschen atmen, Augen sehn,
Wirst du, wie mein Gesang, nicht untergehn.

Übersetzt von Friedrich Bodenstedt

Anmerkung: “Sonnet 18” von William Shakespeare ist ein Paradebeispiel für das englische Sonett, eine poetische Form, die aus vierzehn Zeilen im jambischen Pentameter und einem Reimschema von ABAB CDCD EFEF GG besteht. 
Wie viele von Shakespeares Sonetten behandelt auch “Sonett 18” die Themen Liebe, Schönheit und Sterblichkeit und verwendet komplexe rhetorische Strategien und poetische Mittel, um seine Bedeutung zu vermitteln.

Das Gedicht beginnt mit einer rhetorischen Frage: “Soll ich dich mit einem Sommertag vergleichen?”, die den zentralen Vergleich zwischen der Person und der Jahreszeit herstellt. Der Sprecher weist sofort die Vorstellung zurück, dass die Schönheit der Person mit der Unbeständigkeit des Sommers gleichgesetzt werden kann, und deutet stattdessen an, dass die Person “gemäßigter” und beständiger ist. 
Durch die Verwendung von Metaphern und Personifikationen hebt der Sprecher die Mängel des Sommers hervor, wie z. B. seine rauen Winde” und zu heißen” Temperaturen, während er die Schönheit und Beständigkeit der Person hervorhebt.

Der zweite Vierzeiler führt das Thema der Sterblichkeit ein, indem er feststellt, dass die Schönheit der Person, wie die des Sommers, dem Zahn der Zeit unterliegt. Der Sprecher deutet jedoch an, dass die Schönheit des Menschen durch die Poesie bewahrt werden kann, die “dir Leben gibt”. 

Das letzte Couplet bekräftigt die Macht des Gedichts, die Schönheit der Person am Leben zu erhalten, und schließt mit den berühmten Zeilen: “Solange Menschen atmen oder Augen sehen können, / So lange lebt dies, und dies gibt dir Leben.”

“Sonett 18” ist ein komplexes und großartiges Gedicht, das eine Vielzahl von rhetorischen Strategien wie die rhetorische Frage und die erweiterte Metapher einsetzt, um die Themen Liebe und Sterblichkeit zu erforschen. Die zeitlose Botschaft des Gedichts, dass wahre Schönheit durch Kunst verewigt werden kann, macht es seit Jahrhunderten zu einem beliebten Werk für Leser und Gelehrte gleichermaßen.

Dir schuf Natur ein Frauenangesicht
Mit eigner Hand, Herr-Herrin meiner Seele,
Ein holdes Frauenherz, doch gab sie nicht
Den flücht’gen Sinn dir, der des Weibes Fehle.

Dein Auge strahlt wie ihr’s, doch treu und echter,
Vergoldend jedes Ding, das sich ihm zeigt;
Ein Mann bist du, die Krone der Geschlechter,
Dem Mannesblick und Frauenherz sich neigt.

Zu einem Weib warst du zuerst bestimmt,
Bis schaffende Natur, in dich verliebt,
Dir das verlieh, was all mein Glück mir nimmt,

Die Gabe, die mir keinen Vorteil gibt.
Da sie dich formte für der Frauen Minne,
Weih mir dein Herz und ihnen deine Sinne.

Übersetzt von Max Joseph Wolff

Von eignen Händen der Natur geschminkt,
Ein Fraungesicht hast du Mann-Mädchen meiner Liebe!
Ein mildes Frauenherz, doch unbedingt
Durch falscher Frauen wechselvolle Triebe:

Ein Auge heller, minder falsch im Rollen,
Vergoldend wie es blickt. Von Farb’ ein Mann,
Dem Huldigung der andern Farben zollen;
Der Männeraugen Dieb, der Frauenseelen Bann.

Auch warest du zum Weib geboren, machte
Natur nicht, in der Arbeit liebeblind,
Den Zusatz, der mein Hoffen um dich brachte,

Dir Gaben leihend, die mir nutzlos sind.
Doch da sie Frauengunst mit dir gesucht,
Gib deine Liebe mir, gib ihnen Liebesfrucht.

Übersetzt von Gottlob Regis 

Ein Fraungesicht hat dir Natur geschenkt,
du Herr zugleich und Herrin meiner Seele;
ein Frauenherz, das doch nicht treulos denkt,
wie es dem Wechsel stets nur sich vermähle;

ein lockend Aug und dennoch nicht belügend,
verklärend jedes Ding, das es bestrahlt,
und über beiden Wesens Reiz verfügend,
ein Doppelbild, von der Natur gemalt.

Als sie zum Weib dich schuf und selbst entbrannte
für dich, ergänzte sie dich gleich zum Mann:
was meiner Hoffnung den Besitz entwandte

durch Überfluß, den ich nicht brauchen kann.
So ausgestattet, Frauen zu erlaben –
laß mir die Liebe, wenn die Lust sie haben! 

Übersetzt von Karl Kraus 

Anmerkung: Shakespeares Sonette sind hauptsächlich in einem jambischen Pentameter genannten Metrum geschrieben, einem Reimschema, bei dem jede Sonettzeile aus 10 Silben besteht. Die Silben sind in fünf Paare unterteilt, die Jamben genannt werden, wobei jedes Paar mit einer unbetonten Silbe beginnt.

Der junge Mann hat die Schönheit einer Frau und die Gestalt eines Mannes. Shakespeare preist die weiblichen Tugenden dieses Mannes an. Er besitzt alle positiven Eigenschaften einer Frau, ohne ihre negativen Züge. Der Erzähler scheint zu glauben, dass der junge Mann so schön wie eine Frau ist, aber darüber hinaus treuer und weniger wankelmütig. Der Dichter beklagt, dass die Natur „etwas hinzugefügt“ hat – den Penis -, was bedeutet, dass die, die er liebt, keine Frau ist und nun für ihn unerreichbar bleibt.  
Letzteres könnte auch ein Hinweis auf Platons Dialog Charmides sein, in dem Sokrates mit seinen Freunden über die Schönheit eines nackten Jünglings diskutiert. Der „Zusatz“ könnte in diesem Fall die Seele sein, der wertvollste Teil des Menschen.

Wenn ich, zerfallen mit Geschick und Welt,
Als Ausgestoßner weinend mich beklage,
Umsonst mein Flehn zum tauben Himmel gellt,
Und ich verzweifelt fluche meinem Tage, –

Dann wär’ ich gern wie andre hoffnungsreich,
So schön wie sie, bei Freunden so beliebt,
An Kunst und hohem Ziele manchem gleich,
Freudlos mit dem, was mir das Schicksal gibt.

Veracht’ ich mich beinah in den Gedanken,
So denk’ ich dein, dann steigt mein Geist empor
Der Lerche gleich von trüber Erde Schranken

Und jauchzt im Frührot an des Himmels Tor.
In deiner Liebe fühl’ ich mich so reich,
Daß ich nicht tausche um ein Königreich!

Übersetzt von Max Joseph Wolff

Wenn ich, vom Glück verschmäht und Menschenblicken,
Mein ausgestoßnes Dasein still bewein’,
Und, mich betrachtend, fluche den Geschicken,
Daß taub der Himmel bleibt bei meinem Schrei’n,

Und wünsch’, ich wär an Hoffnungen so reich
Wie mancher, so befreundet, so geboren,
In Kunst, in Freiheit dem und jenem gleich,
Am mind’sten froh bei dem, was ich erkoren:

Doch – denk’ in solchem Selbstverachtungstraum
Von ungefähr ich deiner, jauchzt mein Leben
Wie Lerchen, die vom dumpfen Erdenraum

Frühjubelnd sich zum Himmelstore heben.
So macht Erinnrung an dein Lieben reich,
Daß ich’s nicht hingäb’ um ein Königreich.

Übersetzt von Gottlob Regis 

Wenn mit den Menschen und dem Glück entzweit
Ich einsam wein’ ob meines Schicksals Tücke,
Daß laut mein Schmerz zum tauben Himmel schreit,
Ich blick auf mich und fluche dem Geschicke.

Dann wünsch’ ich mich gleich jenem reich an Gut,
Wie dieser schön, an Freunden reich wie der,
Verlang’ des einen Kunst, des andern Muth,
Was sonst mein Bestes freut mich dann nicht mehr.

So kann, im trüben Sinn, ich selbst mich schmäh’n,
Doch, denk ich Dein, schwingt sich mein Geist empor,
(Der Lerche gleich, die zu des Himmels Höh’n

Vom Boden steigt) und singt am Himmelsthor.
Denn Deine Lieb’ giebt mir so süße Freuden
Selbst Kön’ge, scheint mir, sollten mich beneiden.

Übersetzt von Dorothea Tieck

Klar seh’ ich erst, wenn sich mein Auge schließt,
Das auf des Tages Bilder gern verzichtet,
Doch wenn in Träumen es dein Bild genießt,
Dann ist es hell in Finsternis gerichtet.

Dein Schatten schon verklärt die dunkle Nacht,
Wie würdest du mich leibhaft erst beglücken
Am hellen Tag mit deiner hellern Pracht,
Wenn schon dein Abglanz Blinde kann entzücken!

Oh, dürft’ ich am lebend’gen Tag dich schauen,
Mein Auge wäre gnadenreich begabt,
Wenn schon dein Umriß in der Nächte Grauen

Mit holdem Schein geschloßne Augen labt!
Nacht ist der Tag, der mir dein Bild entzieht,
Und Tag die Nacht, die dich im Traume sieht.

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird;

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn’ ich dir
o aller Welt Verlangen
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissen sei!

Dein Zion streut dir Palmen
und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen
ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen,
in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen,
so gut es kann und weiß.

Was hast du unterlassen
zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen
in ihrem größten Leid ?
Als mir das Reich genommen,
da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen
und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren,
wie irdisch Reichtum tut.

Nichts, nichts hat dich getrieben
zu mir vom Himmelszelt
als das geliebte Lieben,
damit du alle Welt
in ihren tausend Plagen
und großen Jammerlast,
die kein Mund kann aussagen,
so fest umfangen hast.

Das schreib dir in dein Herze,
du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze
sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet
die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet
und tröstet, steht allhier.

Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewußt.

Auch dürft ihr nicht erschrecken
vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken
mit seiner Lieb und Huld.
Er kommt, er kommt den Sündern
zu Trost und wahrem Heil,
schafft, daß bei Gottes Kindern
verbleib ihr Erb und Teil.

Was fragt ihr nach dem Schreien
der Feind und ihrer Tück?
Der Herr wird sie zerstreuen
in einem Augenblick.
Er kommt, er kommt, ein König,
dem wahrlich alle Feind
auf Erden viel zu wenig
zum Widerstande seind.

Er kommt zum Weltgerichte:
zum Fluch dem, der ihm flucht,
mit Gnad und süßem Lichte
dem, der ihn liebt und sucht.
Ach komm, ach komm, o Sonne,
und hol uns allzumal
zum ewgen Licht und Wonne
in deinen Freudensaal.

Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil′ ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigt′ s wie wunderbares Singen.- 
O du gnadenreiche Zeit!

Ein Tannenduft erfüllt die Welt, 
ein Zauber, der die Nacht erhellt. 


Die Glöckchen klingen, singen leise, 
auf ihre ganz besondere Weise.


Leise schneit es, sanft und sacht, 
der Wind singt Lieder durch die Nacht. 


Die Wünsche fliegen himmelwärts, 
ein Stern erhellt das große Herz.


Brich an, du schönes Morgenlicht!
Das ist der alte Morgen nicht, 
der täglich wiederkehret. 


Es ist ein Leuchten in der Fern’, 
es ist ein Schimmer, ist ein Stern, 
von dem ich längst gehöret.


Kling, Glöckchen, kling 
mit frohem Hall, 
das Christkind naht, 
mit Licht und Schall.


Die Kinderaugen strahlen klar, 
es ist die schönste Zeit im Jahr.

Der Winter ist gekommen
und hat hinweg genommen
der Erde grünes Kleid;
Schnee liegt auf Blütenkeimen,
kein Blatt ist an den Bäumen,
erstarrt die Flüsse weit und breit.

Da schallen plötzlich Klänge
und frohe Festgesänge
hell durch die Winternacht;
In Hütten und Palästen
ist rings in grünen Ästen
ein bunter Frühling aufgewacht.

Wie gern doch säh’ ich glänzen
mit all den reichen Kränzen
den grünen Weihnachtsbaum!
Dazu der Kindlein Mienen
von Licht und Luft beschienen;
wohl schön‘re Freude gibt es kaum.

Da denk’ ich jener Stunde,
als in des Feldes Runde
die Hirten sind erwacht,
geweckt vom Glanzgefunkel,
das durch der Bäume Dunkel
ein Engel mit herab gebracht.

Und wie sie da noch oben
den Blick erschrocken hoben
und sah’n den Engel steh‘n,
da staunten sie wohl alle,
wie wenn zum ersten Male
die Kindlein einen Christbaum seh‘n.

Ist groß schon das Entzücken
der Kinder, die erblicken,
was ihnen ward beschert:
Wie haben erst die Kunde
dort aus des Engels Munde
die frommen Hirten angehört!

Und rings ob allen Bäumen
sang in den Himmelsräumen
der frohen Engel Schar:
„Gott in der Höh’ soll werden
die Ehre, und auf Erden
den Menschen Frieden immerdar.”

Drum pflanzet grüne Äste
und schmücket sie aufs beste
mit frommer Liebe Hand,
dass sie ein Abbild werden
der Liebe, die zur Erden
solch großes Heil uns hat gesandt. 

O selige Nacht! In himmlischer Pracht
erscheint auf der Weide ein Bote der Freude
den Hirten, die nächtlich die Herde bewacht. Wie tröstlich er spricht: O fürchtet euch nicht!
Ihr waret verloren, heut ist euch geboren
der Heiland, der allen das Leben verspricht. Seht Bethlehem dort, den glücklichen Ort!
Da werdet ihr finden, was wir euch verkünden,
das sehnlich erwartete göttliche Wort.  

O schöne, herrliche Weihnachtszeit!
Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
teilt seine lieben Gaben aus.
Und ist das Häuschen noch so klein,
so kommt der heilige Christ hinein,
und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
die Armen und Reichen, die Grossen und Kleinen.
Der heilige Christ an alle denkt,
ein jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freuen und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein!